Windmast aus einer frontalen Aufnahme.
GICON

Hoch hinaus: Welthöchster Windmessmast in Jüchen

Mit 300 Metern ist er in etwa so hoch wie der Eifelturm, aber deutlich schmaler – der Windmessmast an der A44n in Jüchen. Es ist der höchste der Welt. Doch im nächsten Jahr wird er wieder abgebaut, denn dann ist sein Zweck an diesem Standort erfüllt. Für insgesamt anderthalb Jahre sammelt der Mast in Jüchen Daten für den möglichen Bau von Höhenwindrädern.

Messungen in luftiger Höhe

46 Messgeräte erfassen seit Oktober 2024 kontinuierlich Daten wie Windgeschwindigkeit, Luftdruck, Luftfeuchte und Niederschlagsmengen. Wenn die Messungen vielversprechend sind, sollen sie die Grundlage für den Bau von Windenergieanlagen mit einer Nabenhöhe von 300 Metern sein. Inklusive der Rotorblätter käme eine solche Anlage auf 480 Meter Höhe. Die Umsetzung ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. „Voraussetzung dafür ist, dass dort oben stetige und stabile Winde herrschen“, erklärt Jochen Großmann, CEO der Betreiberfirma GICON. Bisherige Anlagen im Jüchener Windpark sind etwa 180 Meter hoch. Höhere Windenergieanlagen könnten die nachhaltige Energiegewinnung effizienter machen und Erträge deutlich steigern. 

Schnelle Genehmigungen und großes Potenzial

Die Höhenwindtürme wären eine Ergänzung zum bestehenden Windpark, sozusagen eine zusätzliche „2. Etage“. „Dadurch, dass wir Flächen nutzen, die bereits als Windeignungsgebiet ausgewiesen sind, stoßen wir auf eine große Akzeptanz“, führt Großmann aus. „Außerdem haben wir kurze Genehmigungsprozesse, weil es die Bauleitplanung der Kommunen für diese Flächen schon gibt.“ Statt durchschnittlich fünf bis sieben Jahre bis zur Genehmigung neuer Anlagen, benötige die Umsetzung von Höhenanlagen dadurch nur circa 1 bis 2 Jahre. Großmann schätzt, dass deutschlandweit etwa 4.000 Höhenwindräder allein in bestehende Windparks integriert werden könnten. Das Resultat: Die Gesamtleistung aus Erneuerbaren Energien kann ohne zusätzlichen Flächenverbrauch innerhalb kurzer Zeit deutlich gesteigert werden. „Mit unseren Anlagen erzielen wir Erträge, wie bei Offshore-Anlagen. Wir bringen Offshore nach NRW – ohne Trassen aus dem Norden.“

Verbesserter Artenschutz

Ein weiterer Aspekt spricht für die Wind-Riesen: Der Artenschutz. Neben Daten zum Wind sammelt der Mast auch Informationen über Fledermausaktivitäten. „Unsere bisherigen Messungen zu diesem Thema sind eindeutig. In der Höhe gibt es deutlich weniger Fledermausaktivitäten“, so Großmann. Gleiches gilt für Vögel: Die stärkeren Winde machen das Fliegen in der Höhe für sie energieintensiver. Auch sie fliegen deshalb und aus Gründen der Nahrungssuche oft niedriger.

Optimale Bedingungen an der „Windautobahn“

Der Jüchener Windpark liegt in direkter Nähe zu A44n, die auch als „Windautobahn“ bezeichnet wird. Ihr durch den Tagebau Garzweiler führender Teilabschnitt wurde bereits mehrfach bei starkem Wind gesperrt, weshalb eine Windschutzwand mit Solarpaneelen installiert wird. Auf der umgebenden freien Fläche kann sich der Wind nahezu ungehindert ausbreiten. Dementsprechend optimistisch ist Großmann: „Wir gehen davon aus, dass wir in Jüchen Höhenwindtürme bauen können. Unsere bisherigen Messungen zeigen starke und beständige Winde.“ 

Von Brandenburg über NRW nach Bayern

Bevor der Windmessmast nach Jüchen zog, stand die 70 Tonnen schwere und mit Stahlseilen abgesicherte Konstruktion bereits im Brandenburgischen Klettwitz. Die Messungen dort stellten eine Ertragsverdopplung im Vergleich zu herkömmlichen Onshore-Anlagen in Aussicht. Deshalb errichtet GICON nun im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovation (SPRIND) die höchste Windkraftanlage der Welt

Mit diesem Rekord könnte Jüchen gleichziehen. In den kommenden Monaten wird die Datenbasis für den Standort durch weitere Messungen untermauert, bevor der Mast Mitte 2026 in eine neue Umgebung umzieht. „Das könnte Bayern sein“, erzählt Großmann. „Hier sind wir aber noch in der Klärung.“ 

Beitrag zum Gigawattpakt

Die Stadt Jüchen ist Mitglied im Gigawattpakt. Landesregierung, Kommunen, Kreise und Unternehmen haben es sich damit zur gemeinsamen Aufgabe gemacht, die Stromerzeugungsleistung im Rheinischen Revier auszubauen. Bis 2028 soll die von rund 2,3 Gigawatt in 2020 auf mindestens 5 Gigawatt mehr als verdoppelt werden. Windenergie ist dabei einer der Hauptfaktoren.