
Stromnetz im Wandel: Westnetz-Experte über Netzstabilität und Versorgungssicherheit
Lars Lohrberg leitet seit 2022 das Regionalzentrum Westliches Rheinland bei der Westnetz GmbH. Gemeinsam mit rund 200 Mitarbeitenden kümmert er sich um Planung, Bau und Betrieb der Netzinfrastrukturen für Strom, Gas, Wasser und Breitband. Im Interview teilt der 46-Jährige seine Erfahrungen zu Veränderungen und Herausforderungen, die die Energiewende für Netz-betreiber mit sich bringt.

Herr Lohrberg, zum Einstieg direkt eine provokante Frage: Ist das Stromnetz im Rheinischen Revier stabil?
Ich erlaube mir ebenso provokant diese Antwort: Ja.
Es wird zunehmend dezentral eingespeist, zumal die Erträge aus Quellen wie Wind und Sonne schwanken. Wie gelingt es, dennoch Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten?
Die Systemführung der Westnetz sorgt für ein stabiles Stromnetz. Sie sorgt dafür, dass Energieerzeugung und -verbrauch über das Netz ausgeglichen werden können. Dafür hat sie einen gut gefüllten Werkzeugkasten – bildlich gesprochen. Das fängt bei professionellen Wetterprognosen an, geht über digitale Analyse- und Steuerungs-Tools in unseren hochmodernen Leitwarten und umfasst auch gesetzlich geregelte Instrumente wie Redispatch. Damit wir mit unserem Werkzeugkasten die Netzstabilität wahren können, ist es aber auch notwendig, dass wir größere PV-Anlagen und Windparks bei Bedarf steuern können.
Was passiert, wenn es zu Störungen kommt?
Grundsätzlich ist das so genannte N-Minus-Eins-Prinzip (geschrieben: (n-1), Anm. d. Red) die Basis für eine zuverlässige Versorgung. Wir sind, vereinfacht gesagt, darauf vorbereitet, dass ein Betriebsmittel wie eine Leitung, eine Ortsnetzstation oder ein Transformator in der Umspannanlage überlastet ist oder gar ausfällt. Wir lasten unsere Betriebsmittel darum nie voll aus und halten so den notwendigen Puffer vor, den es in kritischen Situationen braucht. Diese N-Minus-Eins-Sicherheit ist wie der Standstreifen an der Autobahn. Normalerweise fährt da niemand, aber wenn der Fahrstreifen gesperrt ist, sind alle froh, dort ausweichen zu können.
Was sind derzeit die größten technischen oder infrastrukturellen Herausforderungen beim Ausbau Erneuerbarer Energien?
Wir erleben seit einigen Jahren einen Wandel im Netzanschlussgeschäft, wie wir ihn in dieser Dimension noch nicht gesehen haben. Der wird nicht nur ausgelöst von den ambitionierten Zielen beim Ausbau der Erneuerbaren. Sondern ist auch stark geprägt auf der Lastseite von Rechenzentren und Großbatteriespeichern. Weitere Schwerpunkte sind die Dekarbonisierung von Industriebereichen, E-Mobilität und die Transformation des Wärmemarktes.
Also: Nicht nur auf der Erzeugungsseite steigt der Bedarf an Netzanschlüssen und Netzkapazität. Das gleiche beobachten wir auf der Verbrauchsseite. Da sprechen wir von Anschlussanfragen für neue Gewerbe- oder Wohngebiete, für die Erweiterung eines Industriebetriebs oder für ein neues Krankenhaus. Wir sprechen aber inzwischen auch von Anfragen für Batteriespeicher oder Rechenzentren – und dabei um Anfragen mit einem Strombedarf, der den Bedarf von Kleinstädten decken würde. Überschlägig gehen wir von 100 Megawatt pro 100.000 Menschen aus.
Allein im Netzgebiet der Westnetz liegen aktuell Anschlussanfragen für Batteriespeicher mit einem Volumen von fast 100.000 Megawatt – also 100 Gigawatt – vor. Das ist mehr als die Spitzenlast in Deutschland; die liegt bei etwa 80 Gigawatt. Wir arbeiten deshalb kontinuierlich an der Erweiterung der Netze. Von den entsprechenden Baumaßnahmen profitieren langfristig wir alle.
Das klingt nach einer umfangreichen Aufgabe. Wie sieht es denn aktuell mit den Erneuerbaren Energien im Rheinischen Revier aus?
Westnetz betreibt das Verteilnetz in großen Teilen des Rheinischen Reviers. Als Netzbetreiber betreiben wir selbst keine Erneuerbare-Energien-Anlagen. Aber wir kümmern uns um die Integration dieser ins Stromsystem – damit der grüne Strom auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommt.
Im Rheinischen Revier sind etwa 45 Prozent aller EE-Anlagen an das Netz der Westnetz angeschlossen, das sind bisher schon rund 1.800 Megawatt. Die Entwicklung ist sehr dynamisch. Allein im Jahr 2025 wurden im Rheinischen Revier 265 Megawatt Windleistung zugebaut. Der überwiegende Teil davon wurde an unser Netz angeschlossen, nämlich 47 Anlagen mit rund 190 Megawatt Leistung.
Mit welchen Gedanken schauen Sie auf die Transformation des Rheinischen Reviers?
Das Rheinische Revier steht vor einer doppelten Aufgabe: einem gleichzeitigen Struktur- und Infrastrukturwandel, ausgelöst durch die Energiewende. Wie diese Aufgabe auf vielfältige Art angepackt wird, das ist beeindruckend.




